Gemeinwohlökonomie - Wirtschaften zum Wohle Aller

Gemeinwohlökonomie - Wirtschaften zum Wohle Aller

In unserer dritten Episode wird es jetzt einmal wirklich konkret. Immer mehr Menschen sind der Meinung – oder ahnen zumindest -, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem nicht wirklich zukunftsfähig ist. Wirtschaften zum Wohle Aller – scheint nicht mehr wirklich der Fall zu sein. Wir haben daher gleich zwei Interviews geführt, um dir einen alternativen Vorschlag vorzustellen: die Gemeinwohlökonomie (kurz GWÖ). Wir haben mit Lisa Buddemeier von der GWÖ Regionalgruppe Kiel gesprochen, sowie mit Dr. Inez Linke und Christian Koch, die den Ansatz in ihrem Kieler Unternehmen oceanBASIS umsetzen.

Hier kannst du dir die Folge anhören >>

Wirtschaften zum Wohle Aller - was bedeutet Gemeinwohlökonomie?

Der Grundgedanke des gesamten Konzepts baut auf dem Verständnis, dass die Wirtschaft dem Zweck des ‚guten Leben‘ und des Gemeinwohls dienen sollte. Der finanzielle Gewinn stellt daher nur Mittel zum Zweck dar. Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, sowie Transparenz und Mitentscheidung sind die zentralen Werte, an denen sich alle wirtschaftlichen Aktivitäten in der GWÖ orientieren. Wirtschaften zum Wohle Aller lautet die Devise!

Das Unternehmen oceanBASIS, welches Meeresalgen für den Menschen nutzbar macht, fühlte sich von den Werten und der Idee, die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit zu verbinden, direkt angesprochen. Aus diesem Grund haben oceanBASIS sich dazu entschlossen, sich an der Bewegung zu beteiligen und sind Mitglied im GWÖ-Verein.

Was ist der Unterschied zwischen der Gemeinwohlökonomie und dem aktuellen marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem/ Kapitalismus?

Lisa Buddemeier
Lisa Buddemeier (Foto von Nina Herzer)

Lisa Buddemeier erklärt diesen Unterschied damit, dass im Kapitalismus Geld zum Selbstzweck geworden ist – es geht beinahe ausschließlich um Profitmaximierung, im Kapital-ismus ist das Kapital zum höchsten Wert geworden. Im Unterschied dazu ist der Sinn und Zweck des Wirtschaftens bei der GWÖ die Mehrung des Gemeinwohls – und nicht mehr die Mehrung des finanziellen Gewinns. Wirtschaft soll dem Wohle Aller dienen. Allerdings merkt Lisa auch ausdrücklich an, dass die Gemeinwohlökonomie ein marktwirtschaftliches Konzept darstellt – also eine Wirtschaftsordnung, in der Güter und Dienstleistungen über Angebot und Nachfrage, das heißt Marktprozesse verteilt und gehandelt werden (siehe dazu u.a. Bundeszentrale für politische Bildung). Jedoch wendet sich die GWÖ definitiv von einer kapitalistischen Marktwirtschaft ab, und will diese durch eine ethische Marktwirtschaft ersetzen.

Wie kann die Gemeinwohlökonomie angewendet werden?

Für Unternehmen und Betriebe stellt die GWÖ eine ausgeklügelte Matrix zur Verfügung, anhand derer alle Unternehmensbereiche im Hinblick auf die Grundwerte der GWÖ mit Punkten bewertet werden können -von Lieferant:innen über Finanzpartner:innen, Eigentümerstrukturen, bis zu Mitarbeiter:innen und Kund:innen sind alle Geschäftsbereiche vertreten. Dazu werden viele Indikatoren definiert, anhand derer gemessen werden kann, wie gemeinwohlorientiert ein Unternehmen wirtschaftet. Daraus wird dann zunächst ein Gemeinwohlbericht erstellt – so wie aktuell bei oceanBASIS. Anhand dessen erkennen die Unternehmen, wo sie bereits gut gemeinwohlorientiert handeln und wo es Verbesserungsbedarf gibt.

GWÖ-Matrix
Die aktuelle Matrix 5.0

 

Wie funktioniert die Matrix?

Pro Zelle gibt es maximal 50 Punkte zu erreichen – also 1000 Punkte maximal für die gesamte Matrix. Laut Lisa hat bisher noch kein Unternehmen eine Punktzahl nah an der 1000 erreicht; aber auch mit 700 Punkten oder mehr findet man sich in der Bestenliste, denn die Ansprüche der GWÖ(-Matrix) sind wirklich sehr hoch. Wenn sich Unternehmen nur an die gesetzlichen Mindestvorgaben halten, erhalten sie in der Regel 0 Punkte. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man deutlich über die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinweg gemeinwohlorientiert wirtschaften muss, um eine positive Punktzahl zu erreichen.

Spannend ist auch der Fakt, dass Unternehmen auch mit Minuspunkten erhalten können, und daher auch ein Ergebnis von bis zu -3000 Punkten theoretisch möglich ist. Das bedeutet dann, dass Unternehmen in gesetzlichen Lücken oder Grauzonen agieren – entgegen der Werte der GWÖ.

Wie läuft die Bilanzierung im Unternehmen ab?

„Wir haben uns dafür viel Zeit genommen“.

oceanBASIS geht das Projekt sehr tiefgründig und mit viel Zeit- und Personal-Aufwand an. In mehreren Arbeitsgruppen beschäftigen sich Mitarbeitende damit, wie glücklich sie mit der Offenheit, Transparenz und der Vertrauensbasis, auf der z.B. die Urlaubsplanung basiert, überhaupt sind. Das Engagement und die Eigeninitiative, die sich durch die GWÖ-Bilanzierung ergeben hat, hat Christian positiv überrascht. oceanBASIS hat außerdem Fragebögen an.  Auch wenn das Bearbeiten der einzelnen Fragen sehr aufwendig ist, und viel Zeit und Engagement erfordert, spüren Inez und Christian einen positiveren „Spirit“ im Unternehmen. Gleichzeitig sind sie sich aber auch bewusst, dass nicht jedes Unternehmen ausreichend Kapazitäten für eine solch tiefgründige Beschäftigung hat. Eine GWÖ-Bilanz kann auch mit deutlich geringerem Aufwand erstellt und abgeschlossen werden. Für Unterstützung bei der Bearbeitung der Bilanz, stehen Mentor:innen wie Lisa Buddemeier mit Workshops tatkräftig zu Seite. Hier betrachten sie einzelne Aspekte der Bilanz genauer und arbeiten sich vor.

Wie kommen wir vom Kapitalismus zur Gemeinwohlökonomie?

Das Problem in unseren aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen liegt laut Lisa darin, dass gemeinwohlorientiertes Verhalten für Unternehmen durchaus teuer ist bzw. sein kann. Immer wieder stehen Unternehmen daher vor der Frage, im Sinne des Gemeinwohls oder des Gewinns zu entscheiden. Geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen müssen daher den Widerspruch zwischen Gemeinwohlorientierung und Gewinnmaximierung auflösen um das aktuelle System zu transformieren. Geld darf nicht mehr Selbstzweck sein, sondern Wirtschaften muss wieder dem Wohle Aller dienen.

Ein Ansatz dazu stellen steuerliche Erleichterungen für solche Unternehmen dar, die gemeinwohlorientiert wirtschaften und in der GWÖ-Bilanz eine (relativ) hohe Punktzahl aufweisen können. Eine Kombination von mehreren Ansätzen, z.B. die Besteuerung von Ressourcennutzung statt von Arbeitskräften, scheint aber nötig und sinnvoll, um eine gesamtgesellschaftliche Transformation hin zu mehr Orientierung am Wohle Aller, sowie sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit voranzutreiben.

Gemeinwohlökonomie und Wirtschaftswachstum?!

Es gibt nicht „die eine“ Haltung zum Wirtschaftswachstum in der Bewegung der Gemeinwohlökonomie, aber Lisa würde sich (in Anlehnung an das Konzept der Doughnut-Ökonomie von Kate Raworth) als „Wachstums-Agnostikerin“ bezeichnen. Sowohl in der Doughnut- als auch in der Gemeinwohlökonomie geht es darum, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen, ohne die planetare Grenzen zu überschreiten. Aus Lisas Sicht gibt es aus dieser Perspektive definitiv Wirtschaftsbereiche, die wachsen müssen, um Grundbedürfnisse weltweit zu sichern. Andererseits gibt es auch Wirtschaftsbereiche, die schrumpfen müssen, um im Rahmen der planetaren Grenzen zu bleiben. Lisa betont dahingehend, dass bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen unbedingt beachtet und (z.B. mit Hilfe der GWÖ-Matrix) bewertet werden muss, wie nützlich und sinnvoll die hergestellten Produkte tatsächlich sind.

Bei oceanBASIS wird laut Christian Wachstum eher aus qualitativer Sicht angestrebt. Es geht ihnen nicht mehr um gesteigerte Umsatzzahlen, was sie eindrucksvoll daran zeigen, dass sie seit längerem ihre Produkte nicht mehr über Amazon verkaufen, obwohl der Verkauf über die Plattform ein Selbstläufer darstellte. OceanBASIS kann seine Werte in Bezug auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl laut Inez und Christian nicht mit der Wirtschaftsweise von Amazon in Einklang bringen, weshalb sich die Entscheidung, den Verkauf über Amazon einzustellen, für Inez und Christian „verdammt gut“ anfühlt.

Dr. Inez Linke
Dr. Inez Linke (Foto von oceanBASIS GmbH)

Städte und Gemeinden als Gemeinwohl-Vorreiter?!

Natürlich können sich auch Städte und Kommunen gemeinwohl-bilanzieren lassen – mit einer leicht angepassten GWÖ-Matrix. Dadurch können sie auch einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die lokalen Ökonomien und Förderprogramme nach GWÖ-Prinzipien und -Werten auszurichten. Damit können dann viele größere und kleine Unternehmen hin zu mehr Nachhaltigkeit und Orientierung am Gemeinwohl in ihrer Stadt bzw. Kommune beeinflusst werden, und anstelle der günstigsten Bewerbung auf eine öffentliche Ausschreibung eben gemeinwohlorientierten Unternehmen Vorrang gewährt wird. Auch Städte und Kommunen haben nämlich eigentlich ein intrinsisches Interesse daran, die Wirtschaft zum Wohle Aller hin zu beeinflussen.

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