Solidarische Landwirtschaft - Ein geeignetes Konzept für nachhaltige Landwirtschaft?!

Solidarische Landwirtschaft

Wenn wir über Nachhaltigkeit nachdenken, dann liegt der Gedanke an unsere Ernährung und die Herkunft und Herstellung unseres Essens nicht fern. Die Diskussion, welche Rolle die Landwirtschaft im Klimawandel spielt, findet mittlerweile jede Menge Raum in den Medien und ist ziemlich aufgeheizt. Dabei vergessen wir häufig die Frage danach, wie eine nachhaltigere Landwirtschaft denn aussehen könnte – und zwar nicht nur auf ökologischer Ebene, sondern auch auf ökonomischer und sozialer. In unserer sechsten Folge hat Elske den Hof Mevs der Solidarischen Landwirtschaft “Schinkeler Höfe” besucht und mit Dieter, Gundel, Thomas und Katya über das alternative Landwirtschaftskonzept “solidarische Landwirtschaft” gesprochen.
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Was ist solidarische Landwirtschaft?

Community-Supported Agriculture
Solawi - ein Studienprojekt unserer Kommilitoninnen Christina, Dorothee und Stefanie

Solidarische Landwirtschaft, abgekürzt Solawi, ist ein alternatives Konzept der Lebensmittelherstellung und -beschaffung. Der Kauf von Lebensmittel findet hier direkt bei den Erzeuger:innen, also beim landwirtschaftlichen Betrieb statt. Im Falle der Schinkeler Höfe ist das die Gemeinschaft aus vier Betrieben: dem Wurzelhof, dem Milchviehbetrieb Hof Rzehak, der Vollkornbäckerei KornKraft und dem Ziegenhof Mevs.
Die Besonderheit im Gegensatz zum Kauf auf einem Wochenmarkt, wo ebenso Lebensmittel bei Erzeuger:innen gekauft werden können, ist, dass keine bestimmte Menge an z.B. Kartoffeln oder Kohlrabi gekauft wird, sondern ein Anteil der Ernte. Je nachdem wie die Ernte ausgefallen ist und welches Gemüse gerade Saison hat, bekommst du als sogenannte Solawista deinen Anteil, für welchen du einen monatlichen festen Betrag bezahlst.
Die Schinkeler Höfe betonen aber: Es gibt nicht DIE Solawi. Jeder Hof oder jede Hofgemeinschaft ist individuell, mit unterschiedlichster Motivation und Ansprüchen.

Begeisterung und ein bisschen Mut: So kam’s zur Gründung der Schinkeler Höfe

Die Entstehungsgeschichte der Schinkeler Höfe ist tatsächlich gar nicht so spektakulär, wie man sich das Denken mag. Und dennoch begeistert sie uns!
Eigentlich waren es nur ein paar Landwirt:innen, die aufgrund ihres Interesses an dem Konzept Solawi eines Abends zu einer Infoveranstaltung in die Pumpe in Kiel gingen. Voller Begeisterung sind sie zurück nach Hause und haben schon am nächsten Tag ein Treffen mit allen Interessierten initiiert. Kurzerhand beschlossen sie: Wir machen’s!
Diese Geschichte zeigt uns mal wieder: Wenn wir etwas wollen, dann können wir es auch schaffen. Dieter gibt zu, dass es zwar die ein oder andere Ungewissheit und Sorge gab, aber das sollte ihnen nicht im Wege stehen. Für sie war klar: Für jedes Problem, dass uns über den Weg laufen wird, werden wir auch eine Lösung finden. Deshalb sein Appell an Alle: Mutig sein, einfach machen!

Vorteile einer Solawi: Solidarität

Zentraler Vorteil einer Solawi ist die Entlastung von Landwirt:innen: In der konventionellen Landwirtschaft tragen Landwirt*innen das alleinige finanzielle Risiko, welches in landwirtschaftlichen Betrieben aufgrund unberechenbarer Umwelteinflüsse sehr hoch ist. Ernten können z.B. aufgrund des Wetters stark schwanken – und damit auch das Einkommen. Das ist nicht nur eine finanzielle, sondern auch ein psychische Belastung für viele Landwirt:innen. Vor allem der Verzicht auf Pestizide im biologischen Gemüseanbau verstärkt dieses Risiko.
Dieser Risiko-Aspekt wird im Diskurs um nachhaltige Landwirtschaft häufig vernachlässigt. Dabei ist er unfassbar wichtig, wenn wir über das soziale Miteinander sprechen, welches wir uns für unsere Zukunft wünschen.
Solawistas tragen diese Risiken eines landwirtschaftlichen Betriebs gemeinsam – darum auch solidarische Landwirtschaft.
An dieser Stelle endet der Gemeinschaftsgedanke der Schinkeler Höfe allerdings nicht. Über wöchentliche Meldungen und verschiedenste Angebote können alle Beteiligten am Hofalltag teilhaben. Damit geht das Verhältnis weit über das von Erzeuger:in und Verbraucher:in hinaus!

Solidarische Landwirtschaft
Wurzelernte 2019 - Quelle Wurzelhof

Vorteile einer Solawi: Raum für Innovation

Das gemeinsame Tragen von Risiken sorgt nicht nur für eine erhöhte psychische Gesundheit und ausgeglichene Work-Life-Balance, sondern ermöglicht auch innovative Wege hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft.
Durch die starke Ertrags-Abhängigkeit in der konventionellen Landwirtschaft, ist es Landwirt:innen meist unmöglich, Zeit und Geld in innovative Projekte zu investieren. Mit einem sicheren, festen, und planbarem Einkommen ist genau das möglich! Auf dem Hof Mevs können dadurch z.B. neue Saatgutsorten ausprobiert werden oder Prozesse hin zu noch mehr ökologischer Nachhaltigkeit optimiert werden.
Das ermöglicht Landwirt:innen genau das, was Gundel sich für unsere Gesellschaft wünscht: “radikal neugierig bleiben”. Denn genau das ist es doch, was wir für einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit brauchen!

Vorteile einer Solawi: Bewusstsein und Wertschätzung

„Die Natur und ihr Gesundheitszustand sind Grundlage unserer Existenz!“

Ein Anteil bei einer Solawi besteht nur aus Produkten aus der eigenen Herstellung. Das widerum bedeutet, dass ein Anteil nur aus saisonalen Produkten besteht. Das mag im ersten Moment bei einigen die Angst hervorrufen, dass es zukünftig nur noch Kartoffeln mit Karotten und Kohlrabi zu Essen gibt. Entwarnung an dieser Stelle! Es gibt unzählige heimische Gemüsesorten, die unberechtigterweise in Vergessenheit geraten sind. Ein Anteil bei einer Solawi bietet damit das große Potential, heimische Gemüsesorten (wieder) kennen- und lieben zu lernen und damit Bewusstsein und Wertschätzung für lokale Lebensmittel zu schaffen.
Die Interviewpartner:innen geben zu: Etwas Flexibilität ist hier beim Kochen gefragt. Sie sehen aber nur Vorteile darin, denn es animiert zum Ausprobieren neuer Gerichte und kann eine tolle Grundlage für eine gesunde Ernährung schaffen. Für alle, die weniger flexibel sind: Teilen mit Freund:innen, Nachbar:innen und Familie ist erlaubt!

Und ja, genauso erlaubt ist natürlich das Zukaufen von Lebensmitteln. Dieter sagt klar, dass der Solawi-Anteil als regionale Grundversorgung gesehen werden sollte. Es geht nicht darum, sich nur noch von saisonalen und regionalen Lebensmitteln zu ernähren. Vielmehr geht es darum, die Lebensmittel, die wir regional und direkt bei den Erzeuger:innen beschaffen können, auch so zu beschaffen.
Auch das Miterleben von Ertragsschwankungen oder die mögliche Beteiligung bei z.B. der Ernte erinnern uns daran, wie viel Arbeit und Liebe im landwirtschaftlichen Anbau gefragt ist. Außerdem zeigt es uns: Die Natur und ihr Gesundheitszustand sind Grundlage unserer Existenz! 

Vorteile einer Solawi: Tierwohl

Thomas und Katya betonen: Das Leben als Landwirt:innen außerhalb einer Solawi könnten sie sich nicht mehr vorstellen. Grund dafür ist aber nicht nur die gewonnene Zeit als Familie und die Gemeinschaft, sondern auch, die Möglichkeit, ihre Ziegen als selbsternannte “Ziegenmama” und “Ziegenpapa” so halten zu können, wie sie es für richtig halten. Sie sind nicht darauf angewiesen, rein ökonomisch zu denken, wenn es um die Tierhaltung geht. Denn darunter leidet schnell das Tierwohl, z.B. in Form von zu wenig Platz und qualitativ minderwertigem Futter. Solawi bedeutet also am Hof Mevs: Mehr Tierwohl!

Ziegenhof

Vorteile einer Solawi: Lebensmittelrettung

Ein Vorteil einer Solawi, über den wir vor dem Interview gar nicht nachgedacht hatten, ist die Rettung von Lebensmitteln vor der Tonne. Aber so einfach geht’s: Alles, was geerntet wird, geht an die Solawistas – und damit wird nichts verschwendet!
Hintergrund: Großhändler:innen und Co. kaufen meist nur das ‘schöne’ und ‘ästhetische’ Gemüse und Obst ein, krummes und ‘hässliches’ Gemüse sieht man nur selten im Supermarkt. So werden bereits vor dem Verkauf viele Lebensmittel verschwendet, wovon Endkonsument:innen nichts mitbekommen. Dem sagt Solawi ganz klar den Kampf an! Und wer sagt denn, dass eine krumme Karotte nicht mindestens genauso gut schmeckt wie eine langweilige gerade Karotte?

Aber ist Solawi nicht viel teurer?

Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Dass Dieter uns diese Frage nicht klar beantworten konnte, hat uns tatsächlich gefreut. Denn das zeigt, dass er gar nicht weiß, welchen monetären Wert die Lebensmittel haben. Warum das gut ist? Dieter fasst es mit einem Zitat von Wolfgang Stränz wunderbar zusammen: 

“Die Lebensmittel verlieren ihren Preis und erhalten so ihren Wert zurück” (Wolfgang Stränz)

Aber zurück zur Frage: Sicherlich kann es mal vorkommen, dass die Ernte geringer ausfällt und der Anteil, den du erhältst, vergleichsweise “teurer” ist. Genauso kann aber auch vorkommen, dass die Ernte besonders gut ausfällt, und dein Anteil vergleichsweise “günstig” ist.
Dennoch ist die Sorge, dass solidarische Landwirtschaft zu teuer ist, nachvollziehbar und real. Eine Option für einige mag hier das Teilen eines Anteils mit Bekannt:innen oder Familie sein.
An dieser Stelle sei aber gesagt: Solawi ist nur eine von vielen tollen Möglichkeiten für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft! Es gibt z.B. Alternativen, die deutlich kostengünstiger sind wie Gemüsekisten mit krummem Gemüse von regionalen Höfen. Diese kannst du häufig auf lokalen Wochenmärkten für wenig Geld ergattern und so regionales Gemüse vor dem Müll retten! Eine weitere tolle Alternative, die kostenlos ist und besonders viel Spaß macht: Foodsharing.

Solawi als geeignetes Konzept für die Zukunft?

Schinkeler Höfe
Ziegenmama und Ziegenpapa(s)

Die Schinkeler Höfe sagen hier klar. JA! Dennoch sehen sie auch Potential in anderen Konzepten, die die Lebensmittelproduktion dezentralisieren und lokale Kooperationen stärken. Beispiele sind hier Urban Gardening oder Wochenmärkte. Generell wünschen sie sich, dass unsere Wertschätzung für unsere Lebensmittel gestärkt wird und wir uns so hin zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmittel bewegen.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Solawi zeigt konkret auf, wie Landwirtschaft mit mehr sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit in unserer Zukunft aussehen kann. Wir mögen besonders daran, wie es das Wohl von Tieren, der Natur und uns auf wunderbare Art und Weise vereint. All diese positiven Auswirkungen konnten wir in Schinkel hautnah miterleben!

Alle wichtigen Links

Informationen zu den Schinkeler Höfen:
 
 
 
 
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